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Das Interview von Benedikt XVI. und seine Widerspiegelung in der Wikipedia

November 25, 2010

Auf die Nachrichten über Benedikts Buch „Licht der Welt“ hin setzte ich am 22.11.10 folgende Passage in den Artikel zu Benedikt XVI.:

Differenzierte Stellungnahme zu StreitfragenIn einem Interview am 21.11.2010 hat Benedikt XVI. einige Aussagen aus seinem Buch „Licht der Welt. Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit“ vorweggenommen und u.a. erklärt, dass:
die Verwendung von Kondomen unter bestimmten Voraussetzungen gerechtfertigt sein könne (Aidsverhütung)
– ein Papst im Krankheitsfall das Recht zum Rücktritt habe und bei dauernder Unfähigkeit zur Amtsausübung sogar die Pflicht
– ein verallgemeinertes Burkaverbot nicht sinnvoll sei und dass Moscheen auch in den westlichen Ländern gebaut werden sollten
– er Bischof Richard Williamson nicht teilrehabilitiert hätte, wenn er gewusst hätte, dass dieser die Existenz der Gaskammern der Nazis leugnete. [Link]
Eine Stunde später hieß es auf der Diskussionsseite des Artikels: „Die derzeitige Lösung mit dem Abschnitt „Differenzierte Stellungnahme zu Streitfragen“ finde ich unglücklich, nicht nur, weil „differenzierte“ eine Wertung ist, sondern auch, weil es sich ein Sammelsurium von Aussagen handelt, die zum Teil thematisch in andere Abschnitte gehören, etwa „Burkaverbot“ und Moscheebau zum Verhältnis zum Islam, Williamson zu den Piusbrüdern.“
Etwa eineinhalb Stunden später wurde der Abschnitt gelöscht mit der Begründung: „Die aufgeführten Punkte bitte nicht als Aufzählung der aktuellen Presseberichte stehen lassen, sondern an geeigneter Stelle in den Artikel einarbeiten.“

Heute, am 25.11., kenne ich einige Passagen aus dem Interview aufgrund eines ZEIT-Artikels von heute genauer. Da heißt es:

»Es mag begründete Einzelfälle geben«, sagt der Papst, »etwa wenn ein Prostituierter ein Kondom verwendet, wo dies ein erster Schritt zu einer Moralisierung sein kann, ein erstes Stück Verantwortung, um wieder ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass nicht alles gestattet ist und man nicht alles tun kann, was man will.«
Die Kasuistik, die der Papst hier anwendet – übersetzt so viel wie »Lehre von den (Einzel-)Fällen« –, ist eine jahrhundertealte, zumal von Jesuiten entwickelte Methode, um von den abstrakten Moralprinzipien der Kirche zu dem individuell Gebotenen zu kommen. Dahinter steht die Einsicht, dass Moralprinzipien sich auch in die Quere kommen können und die Verletzung des einen Verbotes (hier von künstlichen Verhütungsmitteln) unter Umständen möglich sein muss, um die Verletzung eines anderen, höherrangigen Verbotes (hier der Schädigung von Leib und Leben des Nächsten) zu verhindern.
Das Werk mit dem Titel „Licht der Welt“ beleuchtet auch persönliche Seiten des katholischen Kirchenoberhaupts.
Der Papst tut also in der Interviewäußerung keinen revolutionären Schritt, sondern bewegt sich in ältester Kirchentradition. An der grundsätzlichen Geltung eines Verbotes ändert der individuelle Dispens nichts. Benedikt XVI. beharrt an mehreren Stellen des Buches auf der Ablehnung des Kondoms (mehr noch der Pille) und begründet sie in der strittigen Passage noch einmal folgendermaßen: »Die bloße Fixierung auf das Kondom bedeutet eine Banalisierung der Sexualität, und die ist ja gerade die gefährliche Quelle dafür, dass so viele Menschen in der Sexualität nicht mehr den Ausdruck ihrer Liebe finden, sondern nur noch eine Droge, die sie sich selbst verabreichen.«

In der Tat könnte man in dem Artikel inzwischen Differenzierteres schreiben, als ich es getan hatte. Und in einem Artikel zu „Licht der Welt“ ohnehin. Bieher steht im Artikel freilich nichts zu dem Interview.
Man merkt, hier stehen Wikiprinzip („schnell“) und gut abgesicherte Aussage in Gegensatz.

Bei Gelegenheit werde ich überprüfen, was dann in den betreffenden Artikeln steht.